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Mythos Multitasking – was ist dran?

Wer mehrere komplexe Aufgaben gleichzeitig erfüllen kann, ist produktiv, so lautet der Mythos. Frauen sind angeblich multitaskingfähiger als Männer. Stimmt das? Antworten vom Experten
von Ulrich Kraft, aktualisiert am 12.09.2016

Gleichzeitig telefonieren und tippen: Multitasking gilt als effizient

Thinkstock/Pixland

Angeblich konnte Napoleon Bonaparte parallel einen Brief lesen, einen zweiten diktieren und einen dritten selbst schreiben. Ob er es auch deshalb zum Herrscher über weite Teile Kontinentaleuropas gebracht hat, lässt sich nur vermuten. Ziemlich sicher ist aber, dass der französische Kaiser in der heutigen Arbeitswelt ein gefragter Mann wäre. Denn die Gabe zum Multitasking soll die Produktivität und die Effizienz steigern und steht deshalb in der Anforderungsliste moderner Arbeitgeber weit oben.

Ursprünglich stammt der Begriff aus dem Computer-Bereich. Dort beschreibt Multitasking die Fähigkeit eines Betriebssystems, mehrere Aufgaben, sogenannte Tasks, gleichzeitig auszuführen. Eine Anforderung an Maschinen, die inzwischen auf den Menschen übertragen und dort auch wissenschaftlich unter die Lupe genommen wird. Die große Frage der Forscher lautet: Handelt es sich beim Multitasking nur um einen Mythos oder sind wir tatsächlich in der Lage, verschiedene Dinge gleichzeitig zu tun?

Die Antwort hängt nicht zuletzt davon ab, was genau wir tun, weiß Iring Koch vom Institut für Psychologie der RWTH Aachen. Warum illustriert der Inhaber des Lehrstuhls für Kognitions- und Experimentalpsychologie an einem Vergehen, für das ein Bußgeld und mindestens ein Punkt in Flensburg drohen: Der Nutzung des Handys am Steuer. "Mit 120 über eine leere Autobahn fahren und nebenher ohne Freisprecheinrichtung telefonieren sollte man zwar nicht und ist auch verboten, aber theoretisch geht das", sagt Koch. Verlangt die Verkehrssituation aber mehr Konzentration vom Fahrer, wird die Mehrfachbeschäftigung problematisch. "Dann gibt es wechselseitige Störungen und die Leistungen verschlechtern sich."

Ständiges Umschalten im Gehirn führt zu Fehlern

Doppelaufgabeninterferenz nennen Experten wie Iring Koch dieses Phänomen. "Wenn tatsächlich parallel hohe Anforderungen an die Aufmerksamkeit und das Denkvermögen gestellt werden, bekommt man zwangsläufig erhebliche Einbußen bei der Erledigung der einen, der anderen oder beider Aufgaben", erläutert der Aachener Psychologe.

Neurowissenschaftler erteilen dem Multitasking inzwischen ebenfalls eine Absage. Ihr Fazit: Das Gehirn kann sich meist nur auf eine, maximal auf zwei Tätigkeiten gleichzeitig konzentrieren. Und letzteres auch nur, solange die Anforderungen an die Geisteskräfte gering bleiben. Musik hören und dabei über den zurückliegenden Urlaub sinnieren mag noch funktionieren. Wer aber ein Telefonat führt und währenddessen eine Mail schreibt, macht nicht wirklich beides zur selben Zeit. Denn das Gehirn schaltet sehr wahrscheinlich zwischen den Tasks hin und her. Das macht es allerdings so rasant, dass die Illusion entsteht, beides gleichzeitig zu bewältigen.

Dieses ständige Switchen beim gefühlten Multitasking hat jedoch eine Kehrseite: Das Gehirn kann Informationen, die für die eine Aufgabe relevant sind, nicht so einfach von einer Sekunde auf die andere abschütteln. "Die Infos schleichen sich in die Bearbeitung der anderen Aufgabe ein und können diese dann beeinträchtigen", stellt Iring Koch klar. Und auch die verbreitete Ansicht, Frauen seien mulititaskingfähiger als Männer, räumt er gleich aus der Welt. "Es gibt bislang keine aussagekräftigen Studien, die das wissenschaftlich belegen." Was es aber gibt, sind individuelle Unterschiede. Manchen Menschen fällt das Multitasking leichter als anderen. Personen, die das Umschalten besonders gut können, werden Supertasker genannt. Wichtig ist dabei vor allem das Arbeitsgedächtnis. Genauer gesagt, die Fähigkeit, viele Informationen dort kurzfristig festzuhalten, sie zu verarbeiten und dann schnell wieder ad acta zu legen.

Besser Aufgaben nacheinander erledigen

Mit Vorsicht zu genießen sind selbsterklärte Multitasker. In einer Studie der Stanford University erwiesen sie sich als ziemlich unkonzentrierte Zeitgenossen. Verglichen mit normalen Probanden ließen sie sich beim Lösen einer Aufgabe leichter ablenken, machten häufiger Fehler und benötigten mehr Zeit. Iring Koch empfiehlt ganz generell, die Dinge möglichst nacheinander zu erledigen. "Am effektivsten ist, bei einer Sache zu bleiben, bis man zumindest ein Zwischenziel erreicht hat, und erst dann etwas anderes einzuschieben." Nur wie soll das gehen, wenn die Präsentation in einer Stunde stehen muss, der Chef per Telefon aber plötzlich wegen der Agenda für das Abteilungs-Meeting drängelt und zudem im Minutentakt Emails eintreffen?

Der Psychologe räumt gleich ein, dass Berufstätige immer wieder zum Multitasking gezwungen sind, weil ungeplant noch etwas Neues auf ihrer To-do-Liste auftaucht. Und weil ihre Tätigkeiten insgesamt vielfältiger geworden sind. Das schafft Abwechslung und verhindert einen monotonen Arbeitsalltag. Auf der anderen Seite verursacht es Stress, zwei Aufgaben unter Zeitdruck schaffen zu müssen. Das Problem, wegen der zunehmenden Arbeitsverdichtung am Multitasking heute nicht mehr vorbei zu kommen, sei aber zumindest teilweise hausgemacht, meint Koch.

"Tatsächlich können wir im Beruf häufig selbst entscheiden, ob wir Aufgaben nacheinander absolvieren und in welcher Reihenfolge – nur machen wir das oft nicht." Statt Mails erst zu sammeln und dann gebündelt abzuarbeiten, werden sie gleich angeschaut und beantwortet. Dies zu ändern, erfordert vor allem eines: Disziplin. Ob eine Person sich mit mehreren Dingen parallel beschäftigt – auf Kosten seiner Leistungsfähigkeit – hängt also nicht nur vom Arbeitgeber ab. "Das hat man auch selbst in der Hand", stellt Iring Koch klar.



Bildnachweis: Thinkstock/Pixland

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